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Fachartikel Enterprise Content Management (ECM): Die Konsolidierungswelle - Friss oder stirb! Autorin: Tim Danckwerts | Artikel als PDF

Die Konsolidierungswelle im Markt für Content Management (CMS) und Enterprise Content Management (ECM) geht weiter und hat mit Gauss Interprise inzwischen auch einen prominenten deutschen Anbieter erfasst.
Opentext wird Gauss übernehmen. Wie üblich, wird also mal wieder ein Kleiner von einem Großen „gefressen“. Und das für den vergleichsweise günstigen Preis von ca. 11 Mio. Euro. Wohl dem, der nach dem mageren letzten Jahr noch genug Cash in der „Kriegskasse“ hat.
Die schwierige Marktsituation in den vergangenen 12-18 Monaten konnten sich insbesondere die großen und finanzstarken ECM-Anbieter zunutze machen. Aufgrund großer Barmittel von in der Regel > 100 Mio $ (z.B. zum 30.06.03 bei Documentum: 113 Mio $; Filenet: 157 Mio $; Opentext 116 Mio $; Interwoven: 59 Mio $ + 102 Mio $ Short time invests) sind diese im Vergleich zu den kleineren Anbietern relativ immun gegen einige schwächere Quartale. Gauss hatte Ende August nur noch 1,1 Mio. Euro in der Kasse. Viel wichtiger ist aber die Tatsache, dass die Kunden in unsicheren Zeiten lieber den etablierten, großen und insbesondere finanzstarken Anbietern vertrauen. (Siehe auch: Anbieterbewertung in schwierigen Zeiten, BRAICONN insight, Ausgabe Juli 2003).

Der Trend geht nach vielen Erfahrungen mit Best-of-Breed Produkt-Portfolios wieder in Richtung der One-Stop-Shop Lösungen. Das gilt insbesondere für den komplexen Bereich Enterprise Content Management. Hier handelt sich es in der Regel eher um ein ECM Produkt-Portfolio als um ein einzelnes ECM-Produkts. Diese Produkt-Portfolios sind sehr komplex und schwierig zu integrieren. Die kleineren Spezialanbieter haben meist nicht die Ressourcen, ihre Produkte zu umfassenden ECM-Lösungen auszubauen. Dagegen haben viele der großen marktführenden Anbieter ihre ECM-Produkt-Portfolios durch Akquisitionen erweitern können. Fast jeder der großen ECM Anbieter hat in den vergangenen 18 Monaten Akquisitionen im Bereich ECM getätigt.
Dabei wurden meist kleinere Spezialanbieter aufgekauft, die im starken Wettbewerbsumfeld alleine nicht überlebensfähig gewesen sind. Dies betrifft auch Gauss. Seit vielen Quartalen aufgrund seiner niedrigen Cash-Reserven ein Kandidat für eine drohende Insolvenz. Als die Umsätze einbrachen, fehlte der finanzielle Spielraum - trotz eines guten Produkt-Portfolios und renommierter Kunden. Gauss hatte sich als ECMS Anbieter positioniert und sich in den Wettbewerb mit den großen und finanziell weit stärkeren Anbietern begeben (z.B. Documentum, Filenet, Interwoven). Bei mit ECMS-Produkten adressierten Zielgruppe, in der Regel große Konzerne, zählen bei der Anbieter-Auswahl nicht nur die Produkte und Referenzen, sondern insbesondere auch die Finanzstärke und Überlebensfähigkeit des Anbieters. In diesen Kriterien ist Gauss nicht wettbewerbsfähig zu den großen internationalen Anbietern.
Die freundliche Übernahme durch Opentext ändert die Situation. Damit hat Opentext nun speziell im deutschen Markt eine starke Position gegenüber seinen Wettbewerbern Documentum, Filenet und Interwoven. Allerdings müssen die Produkte von Gauss natürlich erst noch in das Livelink-Produktportfolio integriert werden. Das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Kurzfristig kommt es daher darauf an, wie die Übernahme kommuniziert wird, und was Opentext strategisch mit den Produkten (und Kunden) von Gauss geplant hat. Die Produkte ergänzen sich auf den ersten Blick in vielen Bereichen. Die Stärken von Opentext liegen im Bereich Collaboration, während Gauss seine Stärken im Bereich CMS und ECMS hat. Dadurch ergeben sich sowohl für die Anbieter Opentext und Gauss, aber auch für die Kunden große Potenziale. Es gab sicherlich schon einige Kunden von Gauss, die die Stabilität des Unternehmens nach jedem Quartalsbericht erneut ängstlich beobachtet haben. Diese dürften jetzt zunächst einmal aufatmen.
Wichtig wäre jetzt jedoch eine kurzfristige Entwarnung für alle Kunden und schnellstmöglich eine klare Botschaft, wie der weitere Support und der zukünftige Entwicklungs- und Integrationspfad mit Opentext verläuft. Auf der Website von Gauss findet man leider noch gar keinen Hinweis zu Opentext. Lediglich unter Investor Relations ist die Meldung zum Vertragsabschluß mit Opentext versteckt. Das wird die Wettbewerber freuen, denn die werden sich sofort auf die verunsicherten Kunden von Gauss stürzen und entsprechende Migrationsangebote unterbreiten. Aber vielleicht wird zur DMS-Messe in Essen noch etwas kommuniziert. Dort wird Gauss schon auf dem Stand von Opentext vertreten sein.
Die Konsolidierungswelle im ECM Markt dürfte jedoch noch nicht am Ende sein. Wir können gespannt sein, wie das große Fressen weitergeht.
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